Wie ein Stromgenerator und ein Feuerwehrauto ihr Ziel erreichen

10.3.2026

Ein Feuerwehrauto, ein schwerer Stromgenerator und mehrere Tonnen Hilfsgüter sind Ende Februar auf dem Weg von der Ostschweiz in die Ukraine. Über 3000 Kilometer legen Albert Kutter und sein Mitfahrer Ruedi Frieden zurück. Viel Organisation, Geduld an den Grenzen und die Motivation, Menschen in Not zu helfen, prägen ihr Erlebnis. Albert Kutter berichtet.

Anfang des Jahres ruft mich Martin Kurz, Missions- und Geschäftsleiter von Licht im Osten, an. Er bittet mich, in Kreuzlingen drei Fahrzeuge für den Export in die Ukraine zu begutachten: ein Feuerwehrfahrzeug der Feuerwehr Kreuzlingen, einen grossen Stromgenerator sowie einen Lieferwagen von Energie Kreuzlingen sollen nach Charkiw. Rückblickend wirkt diese Anfrage wie ein Bilderrahmen. Nach und nach fügen sich verschiedene Puzzleteile zusammen. Mit jeder Abklärung wird deutlicher: Hier entsteht etwas Besonderes. Und irgendwann wird mir bewusst, dass ich mitten in der Verwirklichung eines schönen Wunders stehe.

Die grosse Herausforderung: der Generator

Der Generator steht auf einem acht Meter langen LKW-Anhänger und wiegt über 12 Tonnen. Der Anhänger selbst ist zwar sehr gutgewartet, stammt aber aus dem Jahr 1991 und besitzt ein älteres Schweizer Bremssystem. Ein geeignetes Zugfahrzeug zu finden, das mit diesem System kompatibel ist und gleichzeitig die lange Strecke bis in die Ukraine bewältigen kann, ist alles andere als einfach.

Durch eine langjährige Beziehung meiner Familie zur SternGarage.ch AG in Heerbrugg frage ich dort nach, ob sich vielleicht einpassender Lastwagen finden lässt. Die erste Antwort lautet zwar: «Nein, aber…». Kurz darauf ruft mich Geschäftsführer Bruno Bischofberger persönlich an. Spontan und grosszügig bietet er an, sein Dispositionsfahrzeug zur Verfügung zu stellen – einen modernen Mercedes Actros, der mit verschiedenen Bremssystemen kompatibel ist. Damit wird die Reise überhaupt erst möglich.

Vorbereitungen für die Fahrt

Ursprünglich war auch vorgesehen, einen Lieferwagen von Energie Kreuzlingen zu überführen. Dieser wird jedoch mit Gasbetrieben und hat eine Reichweite von 200 Kilometern. Da es in der Ukraine nur sehr wenige entsprechende Tankstellen gibt, entscheiden wir uns, dieses Fahrzeug nicht zu überführen.

Christophe Herter, Leiter Hilfsgüter und Logistikbei Licht im Osten, kümmert sich um die umfangreichen Zollpapiere und Bewilligungen. Zusätzlich müssen Mautbefreiungen für Deutschland, Österreich und Polen beantragt werden. Nun stellt sich noch die Frage nach einem zweiten Fahrer. Für eine solche Reise braucht es jemanden mit Erfahrung und technischen Wissen, um in Notfällen reagieren zu können. Ruedi Frieden, mit dem ich schon mehrere Transporte ausführte, sagte spontan zu.

Ruedi Frieden wird das Feuerwehrauto nach Lwiw (Ukraine) fahren.

In der Woche vor der Abfahrt gibt es noch einiges zu organisieren. Am Montag bringt ein Lernender der SternGarage.ch AG den Mercedes Actros nach Kreuzlingen. Bei einer Testfahrt stellen wir sicher, dass die Bremsen und die Beleuchtung des Generatoranhängers einwandfrei funktionieren. Am Mittwoch hole ich das Feuerwehrfahrzeug bei der Feuerwehr Kreuzlingen ab und bringe es nach Frauenfeld zum LIO-Hauptlager. Auch diese Überführung verläuft problemlos. Damit das Zugfahrzeug die vorgeschriebenen Achslasten einhalten kann, wird es mit Hilfsgütern beladen. Licht im Osten entscheidet sich, Hilfsgüter für einen lokalen Partner in Ternopil mitzunehmen. Dafür werden nochmals zusätzliche Zollpapiere erstellt. Am Donnerstag hole ich schliesslich den Mercedes Actros in Heerbrugg ab und belade ihn in Frauenfeld mit elf Paletten Hilfsgüter: Windeln, Hygieneartikel sowie drei Paletten mit Pressholzbriketts. Insgesamt sind es 5.2 Tonnen.

Tag 1 – Freitag, 27. Februar

Albert und Ruedi mit dem Feuerwehrauto sowie dem Stromgenerator – voller Vorfreude auf die lange Reise.

Um 8 Uhr treffen Ruedi und ich uns mit Christophe. Kurz vor der Abfahrt passiert noch ein kleines Malheur: Beim Öffnen einer Aussenbox bricht der Schlüssel ab. Da der Zoll diese Boxen regelmässig kontrolliert, brauchen wir dringend Ersatz. Christophe fährt kurzerhand nach Heerbrugg, holt einen neuen Schlüssel und bringt ihn direkt zum Zoll. Das erweist sich als grosser Vorteil, denn gleichzeitig gibt es auch noch Rückfragen zu den Zolldokumenten für die Hilfsgüter. Vor Ort kann alles geklärt werden. Gegen Mittag starten wir endlich unsere Reise Richtung Fähre nach Meersburg. Die Fahrt entlang des Bodensees verläuft zunächst ruhig, doch bei Memmingen geraten wir in den ersten Stau. Danach läuft die Reise problemlos weiter. Ruedi lenkt das Feuerwehrauto begeistert und ich gewöhne mich schnell an den komfortablen Mercedes Actros mit seinen vielen digitalen Anzeigen. Am Abend erreichen wir einen Rastplatz bei Hof, rund 100 Kilometer vor Chemnitz. Die erste Etappe umfasst 493 Kilometer.

Tag 2 – Samstag, 28. Februar

Unsere Tagesetappe führt uns über Chemnitz, Dresden und Görlitz an die polnische Grenze und weiter bis nach Krakau. Insgesamt legen wir an diesem Tag 688 Kilometer zurück.

Tag 3 – Sonntag, 1. März

Von Krakau aus sind es noch rund 250 Kilometer bis zur polnisch ukrainischen Grenze bei Korczowa und anschliessend weitere 110 Kilometer bis zu unserem Ziel in Lwiw (Lemberg). Wir werden den Stromgenerator und das Feuerwehrauto, welche weiter nach Charkiw gehen, dort übergeben. Für die Zollformalitäten benötigen wir etwa vier Stunden, eine sehr gute Zeit. Bei meinem letzten Transport an derselben Grenze wartete ich drei Tage. Wir haben drei verschiedene Deklarationen: für das Feuerwehrauto, für den Generator und für die Hilfsgüter. Die Verständigung mit den Zollbeamten erfolgt teilweise mit Händen und Füssen, doch am Ende klappt alles. Die Übergabe der Fahrzeuge und Hilfsgüter findet bei unseren Partnern Mischa und Mark Dickij in Lwiw statt. Sie betreiben eine Bäckerei mit rund 40 Mitarbeitenden. Zudem bauen sie ein Rehabilitationszentrum auf. Nach dem Ausladen und der Übergabe der Schlüsselgeniessen wir gemeinsam ein Abendessen. Eine Bäckereibesichtigung durch Mischa Dickij rundet den Tag ab. Es beeindruckt mich, was hier jede Nacht geleistet wird.

Das Feuerwehrauto wird eine Bereicherung in Charkiw sein!

Tag 4 – Montag, 2. März

Wir übernachten im Innenhof der Bäckerei. Seit Sonntagabend regnet es, und durch den vielen Sand auf den Strassen ist alles sehr schmutzig. Am Morgen fahren wir zurück zur Grenze nach Polen. Aufgrund desstarken Verkehrs erreichen wir den Zoll erst um 10.30 Uhr. Der Grenzübertritt ist ein langwieriger Prozess: Dokumente vorzeigen, Fahrzeuge öffnen, Kabinenkontrollieren lassen und immer wieder Stempel auf dem Laufzettel sammeln. Auf polnischer Seite geht es langsam vorwärts, alle 15 Minuten wird ein Lastwagen abgefertigt. Als wir nach vier Stunden fast am Ausgang sind, entscheidet ein Beamter nach dem Zufallsprinzip, dass unser Fahrzeug noch geröntgt wird. Also wieder zurück in die Warteschlange. Um 16 Uhr kommt endlich die erlösende Freigabe. Wir verlassen das Zollgelände und fahren noch etwa 300 Kilometer bis in die Gegend von Katowice, wo wir eine Raststätte für die Nacht finden.

Tag 5 – Dienstag, 3. März

Früh am Morgen um 5.30 Uhr starten wir zur letzten grossen Etappe. Über Görlitz, Dresden, Chemnitz und Nürnberg fahren wir Richtung Bodensee. Bis nach Hause reicht es an diesem Tag nicht mehr ganz. In Aichstetten, etwa 50 Kilometer vor Bregenz, übernachten wir noch einmal im Lastwagen.

Gemeinsam treten Albert und Ruedi die Heimfahrt an.

Rückkehr – Mittwoch, 4. März

Am Mittwoch nehmen wir die letzten Kilometerunter die Räder. Über Bregenz und Lustenau fahren wir nach Berneck, wo wir den Lastwagen zuerst gründlich waschen. Staub, Schlamm und Sand der langen Reise sollen verschwinden. Zurück bei der SternGarage.ch AG in Heerbrugg saugen wir dann auch noch die letzten Sandkörner aus der Kabine und übergeben den LKW unversehrt und gereinigt der SternGarage.ch AG. Insgesamt haben wir 3100 Kilometerzurückgelegt. Ruedi und ich sassen zusammen 58 Stunden am Steuer. Der Lastwagenverbraucht 616 Liter Diesel, das Feuerwehrauto 200 Liter. Das Feuerwehrfahrzeug und der Generator wurden wenige Tage später von Mitarbeitern der Feuerwehr Charkiw abgeholt und in die Krisenregion überführt.

Über 30 Hilfsgütertransporte

Solche Reisen haben für mich immer zwei Seiten. Einerseits ist da das Abenteuer. Andererseits gehört auch viel Einsatz und Geduld dazu – besonders dann, wenn Dinge nicht wie geplant laufen. Lange Wartezeiten an den Grenzen können herausfordernd sein.

Ich habe grossen Respekt vor jeder dieser Fahrten. Mittlerweile durfte ich über 30 Hilfsgütertransporte ausführen und dabei viele Partner von Licht im Osten kennenlernen. Ich sehe immer wieder, wie die Hilfe direkt und unbürokratisch bei den Menschen ankommt, die sie dringend brauchen. Jedes Mal bin ich dankbar, wenn ich nach einer solchen Reise wieder gesund und mit vielen neuen Eindrücken im Gepäck nach Hause komme. Doch nach dieser Reise gilt mein Dank Bruno Bischofberger von der SternGarage.ch AG in Heerbrugg, der uns seinen modernen Lastwagen kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Dieses Vertrauen ist alles andere als selbstverständlich!

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